Förderung von Nachwuchsautorinnen und -autoren: Jetzt für das „Ludwig-Harig-Stipendium 2026“ bewerben

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Zur Erinnerung an einen großen Autor und in Würdigung des Lebenswerks des saarländischen Schriftstellers Ludwig Harig lobt das Ministerium für Bildung und Kultur (MBK) das Ludwig-Harig-Stipendium als Reise- und Recherchestipendium für Nachwuchsautorinnen und -autoren aus.

Bildungs- und Kulturministerin Christine Streichert-Clivot: Bereits zum achten Mal beginnt die Ausschreibung unseres Stipendiums, das als eine besondere Hommage an das lebendige Erbe von Ludwig Harig gedacht ist. Inspiriert von seiner unstillbaren Reiselust und der leidenschaftlichen Kunst, Erlebtes in Worte zu gießen, setzen wir uns zum Ziel, mit diesem Stipendium gezielt aufstrebende junge Autorinnen und Autoren zu unterstützen, die noch am Anfang ihres kreativen Weges stehen.”

Das Stipendium ist mit 10.000,00 Euro dotiert und auf zwei Jahre befristet. Ein Anteil in Höhe von 3.000 Euro ist als Publikationszuschuss zu betrachten, der es Autorinnen und Autoren ermöglichen soll, Arbeitsergebnisse zu veröffentlichen.

Um das Stipendium bewerben können sich Nachwuchsautorinnen und -autoren aus der Großregion Saar-Lor-Lux-Elsass-Wallonie-Rheinland-Pfalz oder Autorinnen und Autoren, die sich thematisch mit dem Saarland oder der Großregion auseinandersetzen. Werke der Kinder- und Jugendliteratur sind ausgeschlossen. Über die Vergabe entscheidet eine vom MBK berufene Jury.

Bewerbungen mit Kurzbiografie und entsprechender Beschreibung des literarischen Projekts samt einer Arbeitsprobe mit einem Umfang zwischen 18.000 und 25.000 Zeichen (mit Leerzeichen) in deutscher Sprache sind bis zum 31. März 2026 zu richten an das Ministerium für Bildung und Kultur, Referat F2, Stichwort „Ludwig-Harig-Stipendium“, Trierer Str. 33, 66111 Saarbrücken oder elektronisch via E-Mail an: harig.stipendium@kultur.saarland.de.

Bisherige Stipendiatinnen und Stipendiaten:

Verena Boos (Rottweil, Ludwig-Harig-Stipendium 2019)

Ihr Romanprojekt „Nonette (Arbeitstitel)“ zeichnet ein deutsch-deutsches Familien-Epos nach, das von Spanien bis nach Schlesien reicht und eineinhalb Jahrhunderte umspannt. Basierend auf der realen Geschichte einer elsässischen Familie spannt sich der erzählerische Bogen über die Großregion Saar-Lor-Lux-Elsass-Rheinland-Pfalz. Analog zu Harigs Poetik der Erinnerung stellt sie nicht nur eine Familiengeschichte vor dem wechselvollen Hintergrund von Krieg und Verfolgung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar, sondern berührt auch aktuelle Themen wie den Ost-West-Konflikt oder die Arbeitsmigration in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Dominik Bollow (Berlin, Ludwig-Harig-Stipendium 2020)

Der Autor entwickelt in seinem Romanprojekt „Die Launen der Ziege (Arbeitstitel)“ eine Geschichte, die das Schicksal einer saarländischen Familie schildert. Diese verlässt nach Saarabstimmung 1955 und Anschluss des Saarlandes an die Bundesrepublik ihre vertraute Heimat und beginnt in Algerien und Marokko ein neues Leben– wie so viele Saarländer in den 1950er Jahren, die weit jenseits der Grenzen ihrer alten Heimat eine neue suchten. Bollow entwirft dabei eine Erzählung, deren zentrale Frage – wie verändern sich Menschen, die über bisher bekannte Grenzen hinausgehen und in einem völlig fremden Umfeld neu beginnen möchten – auch im 21. Jahrhundert eine ungebrochene Aktualität besitzt.

Martina Kieninger (Montevideo/Stuttgart, Ludwig-Harig-Stipendium 2021)

Mit dem Ludwig-Harig-Stipendium wird aktuell die Arbeit des Projekts „Rimbauds Holzbein oder Die große Schlacht von Saarbrücken“. Kieninger widmet sich sprachspielerisch und sprachschöpfend einem eindrucksvollen literarischen Experiment und wendet sich damit stark der Poetik Harigs zu. Spannend und dabei als Alleinstellungsmerkmal von Kieninger ist die enge Verbindung von Fragestellungen der Natur- und Technikwissenschaften – Chemie und Informatik – zu solchen der Ästhetik und genauer noch der Poetik. In ihrem unterstützten Projekt verbindet sie auf raffinierte Weise Verfahren der konkreten Poesie und Stuttgarter Schule mit der Narrativik und rekurriert auch – implizit – auf die Entwicklung der Harigschen Poetik (vom Sprachspiel zum autobiographischen Erzählen).

Gisela Hinsberger und Bernd Nixdorf (Aachen/Saarbrücken, Ludwig-Harig-Stipendium 2022)

Gisela Hinsberger verfolgt mit ihrem literarischen Projekt „Montblanc“ einen Roman im Spannungsfeld machtgesellschaftlicher Strukturen und individueller Freiheit und Selbstverwirklichung. Der schwierige Aufstieg des Protagonisten aus der Enge eines saarländischen Dorfes in das Universitätsmilieu steht dabei im Mittelpunkt. Trotz universitären Erfolgs kann Martin die Eierschalen seiner Herkunft nicht abstreifen. Auf mehreren Zeitebenen spielend erzählt der Roman die Geschichte glaubwürdig, stilistisch überzeugend und nachvollziehbar; dies gilt auch für die Figur der Hauptperson. Die regionale Verortung im St. Wendeler Raum ist geschickt dargestellt, ebenso die Atmosphäre einer saarländischen Dorfgesellschaft wie auch das akademisch-intellektuelle Milieu eines universitären Instituts.“ 

Bernd Nixdorf kündigt mit einem gelungenen assoziativen Ansatz ein starkes Projekt über einen Kunstfälscher an – „Hoppers letztes Idyll“. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten spielt sein literarisches Konzept mit unterschiedlichen Paaren aus Geschichte und Literatur. Im Themengegensatz Realität und eigenes reales Empfinden entwickelt der Autor ein ganz eigenes Narrativ, seine Notizen aus und über eine psychiatrische Anstalt sind ebenso spannend wie verschieden in Stil und Herangehensweise. Nixdorf entwickelt mit „Hoppers letztes Idyll“ ein vielversprechendes Konzept auch zum gesellschaftlichen Diskurs über den individuellen Sinn des Lebens.“

Natalie Buchholz (Schiltigheim, Ludwig-Harig-Stipendium 2023)

Natalie Buchholz begibt sich mit dem deutsch-französischen Romanentwurf mit dem Arbeitstitel „Das Kamel“ auf Spurensuche in der Geschichte einer – nach außen hin intakten – tatsächlich aber bis in die Grundfesten erschütterten bürgerlichen, ja großbürgerlichen Familie. Diese kultiviert und verbreitet den schönen Schein über ihr in der Realität reichlich trübes tatsächliches (Da-)Sein. Buchholz findet dafür eine Sprache, die zwischen realistischer Lakonie, ironischen Untertönen und bisweilen humoristischen Digressionen changiert, um damit auch – in mehrfachem Sinne – an die Poetik Harigs anzuknüpfen. Das neue Projekt gräbt nun noch tiefer in einer Familiengeschichte, die die private Geschichte mit der großen Historie zu verbinden verspricht und erneut das Harigsche Erzählprojekt (etwa in „Ordnung ist das ganze Leben“) aufgreift und weiterschreibt.“

Esther Vorwerk (Berlin/Bern, Ludwig-Harig-Stipendium 2024)

Esther Vorwerks Manuskript mit dem Arbeitstitel “Ich will nicht schuld sein” verspricht ein spannender und bedeutender Roman zu werden. Inhaltlich behandelt der Text eine transgenerationelle Familiengeschichte, die von mehrfachen Traumata (Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung, Mord an einem Kind) geprägt bzw. belastet ist. Es geht um die Zeit des Nationalsozialismus, um Fragen von Schuld und Verantwortung. Und um das Schweigen darüber, auch in ihrer Familie. Die Autorin untersucht die Verflechtungen von Gewalt und Leid und stellt Überlegungen über die heute angemessene Sprache dafür an. Besonders beeindruckend stellt sich dar, wie die Autorin das Romangeschehen mit dem Penthesilea-Mythologem einerseits und dem Kleist’schen “Penthesilea”-Drama andererseits verknüpft.“

paula van well (Neuwied, Ludwig-Harig-Stipendium 2025)

„In rückwärtsgewandten Zeiten, in denen längst überwunden geglaubten Machtgefällen wieder das Wort geredet wird, ist die Stimme eine:r paula van well kostbar und dringlich zugleich. paulas virtuoses Spiel mit der Sprache, ebenso durchdacht wie spontan, seziert menschliche Beziehungen, allein durch präzise Beobachtung. paula erzählt von Gewalterfahrungen, die transgenerationell weitergegeben werden und fragt danach, welche Auswirkungen das auf die Nachkommenden hat. paula van well teilt Ludwig Harigs Liebe zum präzis-spielerischen Umgang mit Sprache ebenso unverkennbar wie gekonnt und ist ein vielversprechendes Talent, die starke Stimme einer jungen Generation, die gehört werden muss.“

https://www.saarland.de/mbk/DE/aktuelles/medieninformationen/2025/11/251114-pm-ausschreibung-ludwig-harig

 

 

 

Festrede von PD Dr. Hermann Gätje

Festrede von PD Dr. Hermann Gätje

Rede von PD Dr. Hermann Gätje 
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass
Universität des Saarlandes

Als wissenschaftlichem Mitarbeiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass und Lehrendem der Neueren deutschen Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes ist mir die Beschäftigung der Germanistik mit Ludwig Harig ein besonderes Anliegen.
Dass ich selbst mich seit nun knapp vierzig Jahren mit der Literatur unserer Region wissenschaftlich beschäftige, hängt maßgeblich mit der Lektüre von Ludwig Harigs Roman „Ordnung ist das ganze Leben“ zusammen. Kurz nach seinem Erscheinen habe ich den Roman gelesen, und er hat mein Interesse an saarländischer Literatur geweckt. Eine besondere Anziehung übte der Text auf mich aus, weil seine Schauplätze zum Teil Orte meiner eigenen Lebenswirklichkeit waren, die ich kannte und in Spaziergängen erkunden konnte. Und doch merkte ich auch, dass es ein ambitionierter Roman war, der vergleichbar war mit den von mir gelesenen Generationsgenossen Harigs wie Martin Walser oder Günter Grass. Und so erwuchs das schöne Gefühl, einen bedeutenden Text zu lesen, der – ich wohnte und wohne noch in Dudweiler – vor der eigenen Haustür spielt. Nach dem Besuch eines Proseminars über den Roman habe ich mich einem Kolloquium zur Literatur der Region am Lehrstuhl von Professor Schmidt-Henkel angeschlossen, wo 1978 die Arbeitsstelle für Gustav-Regler-Forschung gegründet wurde und seit 1985 ein Archiv für die Literaturen der Grenzregionen aufgebaut wurde. Ludwig Harig war häufiger in Seminaren von Professor Schmidt-Henkel zu Gast, in meiner Examensprüfung hatte ich Ludwig Harig als Thema gewählt und meine erste eigene Lehrveranstaltung war im Wintersemester 1992/1993 ein Proseminar zu Ludwig Harigs autobiografischen Romanen „Ordnung ist das ganze Leben“ und „Weh dem, der aus der Reihe tanzt!“. Und letztes Jahr widmete sich die erste von mir betreute Examensarbeit dem Motiv der Ordnung in Ludwig Harigs Roman „Ordnung ist das ganze Leben“. Ludwig Harigs Werk ist mir im Laufe meiner Arbeit immer wieder begegnet. Der Nachlass seines Freundes Eugen Helmlé befindet sich in unserem Literaturarchiv und die gemeinsame Übersetzungsarbeit von beiden, besonders bei den Texten von Raymond Queneau ist dort dokumentiert und bietet auch reichlich Stoff für Forschungsarbeiten.

Als Mitarbeiter des Literaturarchivs und selbst Lehrender und Forschender fände ich es natürlich schön und praktisch, wenn sich Ludwig Harigs literarischer Nachlass oder signifikante Teile davon wie der  Eugen Helmlés in unserem Hause befinden würde. In meiner eigenen Forschungsarbeit habe ich mich schwerpunktmäßig mit Gustav Regler beschäftigt. Regler und Harig sind vielleicht die überregional bekanntesten saarländischen Autoren und ich glaube, dass vieles, was den der Ludwig Harig vorhergehenden Generation Angehörigen Regler zu einem erkenntnisreichen Forschungsgegenstand macht, auch für Ludwig Harig gilt. Beide haben ihre Zeit in eindrucksvollen autobiografischen Texten gespiegelt. Ich schätze Ludwig Harigs Werk im Ganzen, seine Sprachspiele, seine formgewandten Gedichte, seine einfühlsamen Reisebeschreibungen, seine romanhafte Auslegung Rousseau und vieles mehr, alles bietet Stoff für zahlreiche Forschungsarbeiten. Auf mich haben die beiden erwähnten autobiografischen Romane jedoch den größten Eindruck hinterlassen. In ihnen spiegeln sich persönliche und Zeitgeschichte in besonders eindrucksvoller Weise. In dem Vaterroman „Ordnung ist das ganze Leben“ gelingt es Harig, den persönlichen emotionalen Blick auf den Vater mit dem sachlich historischen romanhaft zu verknüpfen. Der Roman „Weh, dem, der aus der Reihe tanzt“, der Harigs autobiografischen Rückblick auf die NS-Zeit thematisiert und zugleich exemplarisch die ideologische Verführbarkeit junger Menschen analytisch fassbar machen will, ist heute aktueller denn je. Die „Zweiseitigkeit des Menschen“ bildet ein zentrales Motiv in Ludwig Harigs Schaffen, sowohl was die Harmonie (etwa zwei Arme, zwei Beine) als auch die Widersprüche angeht. „Ludwig Harig zwischen Sprachexperiment und autobiografischer Empirie“, dies war seinerzeit die Frage in meiner Examensprüfung und diese gibt mir bis heute noch Stoff zum Nachdenken und steht für mich zentral über Ludwig Harigs Gesamtwerk. Nur scheinbar klingt der Antagonismus nach einem Widerspruch, die Autobiografien bilden immer auch die Suche Ludwig Harigs nach der adäquaten Sprache und ihrer Ordnung bzw. Unordnung ab. Ich glaube, dass gerade die Erforschung dieser Spanne Ludwig Harigs Schaffen für die Germanistik, nicht nur Literaturwissenschaft, auch Sprachwissenschaft, so wertvoll macht.  

Festrede von Irmgard Rech

Festrede von Irmgard Rech

Rede von Irmgard Rech 
Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin;
Verwaltung des literarischen Erbes von Ludwig Harig
und dessen gute Freundin

Im Gedenken an Ludwig Harig und seine Freunde

Vielleicht kennen sie das auch, Sie sind mit Ihrem Auto unterwegs. Auf einmal schrecken Sie auf. Die Route, die Sie fahren, passt gar nicht zum Ziel, das Sie anstreben. Ihr Auto hat unbemerkt, heute sagen wir autonom, eine Route eingeschlagen, die zu einem von Ihnen häufig angestrebtem Ziel führt, zu dem Sie aber jetzt gar nicht hinwollen. So erging es uns, mir und meinem Mann Benno mehr als einmal, dass unser Auto Richtung Sulzbach steuerte, obwohl wir zu einem anderen Ort unterwegs waren. Nach Sulzbach zu Ludwig und Brigitte fuhren wir zeitweise drei- bis viermal die Woche, dann wenn die Entstehung eines Romans oder eines anderen Buches in seine Endzeit ging. Wir waren dabei in einer heiteren Anspannung. Auf dem Rücksitz hatte jeder sein durchgearbeitetes Manuskript liegen. Das bestand aus von Ludwig selbst getippten  Romanseiten, die wir auf mögliche Fehler überprüfen sollten.

So hatte es sich nämlich eingespielt, dass wir beide zusammen mit seiner Frau Brigitte Korrektur seiner Texte lasen. Und dann saßen wir zwei, drei Stunden mit ihm zusammen am runden Tisch mit einem vergnüglichen Staunen darüber, wie Ludwig korrigierte und an seinen Texten feilte. Schon immer war es Ludwig wichtig, den Freunden seine Texte vorzutragen, bevor er sie aus der Hand gab. Berühmt waren lange Zeit seine Nachmittagslesungen im großen Kreis bei Wein und Kuchen, zu denen Ludwig immer dann einlud, wenn er einen Text fertiggestellt hatte. Seine Freunde sollten immer die ersten Hörer seiner Texte sein, auch seine ersten Kritiker. Der allererste Hörer seiner Texte war er selber. Die richtige Balance für seine langen Sätze fand er dadurch, dass er sie beim Schreiben zugleich hörte, indem er sie laut vor sich hinsprach. Von seinem frühen experimentellen Schreiben her, war er es auch gewöhnt, auf diese Weise mit seinen Satzbauplänen zu spielen. Das Hörerlebnis seiner eigenen Texte diente hierbei seinem eigenen Vergnügen. Das spürten alle, die ihn Lesen hörten.

Benno und ich waren das Freundespaar, das als letztes Paar in den seit Jugendzeiten schon existierenden Freundeskreis aufgenommen  wurde und das bis zu Ludwigs und Brigittes Tod an ihrer Seite war. Es waren meistens Paare, die sich Ludwig zu Freunden gemacht hatte. Immer waren zwei geladen, nie nur einer allein. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, Paare auseinander zu dividieren. Er selber war mit Brigitte ein festes Paar, das seit dem ersten Kuss nicht mehr zu trennen war wie Jorinde und Joringel im Märchen. Zur Verzauberung der Welt gehörte schon früh für den kleinen Ludwig ein Paar, das fest zusammenhielt. Er und sein Bruder Hermann waren ein Brüderpaar, das ein  Leben lang zusammenhielt. Da er keine Schwester hatte, sehnte er sich, wenn er das Märchen von der Unke las, mit ihr auf einem Tuch zu sitzen und mit ihr wie mit einer Schwester aus demselben Teller zu essen. Später erkennt er in der Unke die blühende Phantasie, die er sich zur Schwester macht, an seine Seite nimmt und, wie er im Vaterroman versichert, bis heute bei sich behalten hat. Die Dichtkunst ist für Ludwig Harig keine Göttin, deren Laune er ausgeliefert war. Sie ist ihm als Schwester Tag und Nacht sehr nah und sie ist ihm treu, weil er die Kraft besitzt, sie bei sich zu behalten.

Das Märchen liebt Paarbeziehungen, weil sich in ihnen das Leben kraftvoll und tief entfalten kann. In festen Zweierbeziehungen gelingen Verwandlung und Befreiung aus gefährlicher  Übersteigerung. Mehr als einmal beteuerte Ludwig, dass Brigitte sein Glück sei, weil Brigitte ihn davor bewahrt habe, als Luftkutscher die Bodenhaftung unter den Füßen zu verlieren. Die Treffen in Sulzbach waren deswegen so aufregend und lustvoll, weil es Paare waren, die hier zusammenkamen. Im ersten Kapitel des Kalahari-Romans werden bei der Schilderung der Gäste eines opulenten Geburtstagsmahls viele Namen genannt. Ludwig sieht einen Reiz darin, dass Leser und Zuhörer versuchen können, „die Zusammengehörigkeit der Paare herauszubekommen.“  

Während unserer 40jährigen Freundschaft haben wir miterleben können, wie die Nähe Kraft gibt und was aus einem festen Zweierverhältnis alles entstehen kann. Denken wir an Ludwig und seinen Schulfreund Eugen, an Ludwig und Roland, den französischen Freund aus seiner Assistentenzeit in Lyon, an sein Treueverhältnis zu dem Dichter Johannes Kühn. Und denken wir auch an sein Verhältnis zu dem kleinen René. Da Ludwig auch uns beide, Benno und mich nie getrennt hat, waren wir beide dabei, wenn bei Eugen und Margrit an Übersetzungen gearbeitet und gefeiert wurde, wenn er mit Brigitte auf den Spuren von Roland und dessen Familie nach Frankreich fuhr und wenn er in einem Kinderheim nach dem kleinen René gesucht hat. Immer haben wir viel mehr gefunden, als wir gesucht haben. Und Ludwig hat daraus Literatur gemacht, in deren Wörtern die Kraft, die aus menschlicher Nähe wächst, lustvoll spürbar bleibt.

Von den damaligen Freunden leben noch zwei, Gabi Oberhauser und ich. Das erste Kapitel im Roman Kalahari trägt die Überschrift „Das letzte Abendmahl“. Auf der ersten Seite schreibt Ludwig diese Sätze: „Zur Feier seines siebzigjährigen Geburtstages hatten wir auf Bitte von Roland die Freunde nach Ouierschied eingeladen. Er hatte es sich gewünscht und so eindringlich darum gebeten, dass wir fürchten mussten, es würde unser letztes Treffen sein. Aber noch waren alle am Leben. Wir kannten uns seit vielen Jahren, waren eng miteinander befreundet, keiner konnte sich vorstellen, dass einmal einer fehlen würde.“

Festrede von Jessica Heide

Festrede von Jessica Heide

Festrede von Jessica Heide
Staatssekretärin für Bildung und Kultur

Sehr geehrte Frau Irmgard Rech, sehr geehrter Herr Prof. Sauder und Herr Dr. Gätje, liebe Familie von Ludwig Harig, sehr geehrter Herr Michael Adam und vielen Dank für die Einladung und freundliche Begrüßung an Sie, Herr Dr. Christian Harig,

ich freue mich sehr und es macht mich stolz, an dieser Veranstaltung zur offiziellen Gründung der Ludwig-Harig-Gesellschaft teilnehmen zu dürfen. 1972 beschreibt Ludwig Harig in „Die Biescher un es Läwe“, dass ein Leben ohne Bücher für ihn kein richtiges Leben wäre. Und das nicht nur als Lesender, sondern, zu unserem großen Glück, auch als Schreibender.

Der langjährige Korrespondent der Süddeutschen Zeitung Klaus Brill beschreibt im „EntdeckerMagazin“ zu Harigs 85. Geburtstag 2012, dass der Ausspruch von Harigs Vater „Do die Biescher, Do es Läwe“ für Ludwig nicht galt: „Seine Bücher und das Möbel, an dem er diese Bücher schreibt, sie stehen mittendrin im Leben“. So entstand ein „Oeuvre“ ein Gesamtwerk, welches ebenso von unbändiger Schaffenslust, großem Fleiß, von vielfältigen Kontakten und einer stetig wachsenden Anerkennung zeugt.

Beginnend seit Mitte der 50er Jahre schreibt er experimentelle Texte, sogenannte konkrete Poesie, im Umkreis der „Stuttgarter Schule“ um Max Bense. Seine in den 60er Jahren erscheinenden Hörspiele machten Ludwig Harig, zusammen mit Helmut Heißenhüttel, Paul Wühr und Max Bense zu einem der Erneuerer dieser Kunstform und Saarbrücken und den SR, neben Köln (WDR), zur Hochburg des „Neuen Hörspiels“. Seit Anfang der 70er Jahre wird Harigs Werk vom Münchner Hanser Verlag betreut. Dort erscheint 1977 der Sammelband „Die saarländische Freude“ und zahlreiche weitere Romane.

1986 gelingt ihm mit „Ordnung ist das ganze Leben – Roman meines Vaters“ der Durchbruch auf der großen literarischen Bühne. In seiner Rezension im Siegel Nr. 38 von 1986 adelt Fritz Rumler Harig dafür als „saarländischen Jean Paul“ und „Sänger der saarländischen Freude“.

Mir persönlich gefällt der Titel „Luftkutscher“ besonders gut, den seine Großmutter ihm verliehen hat. Ludwig Harig hat sich diesen Ehrentitel gerne als Berufsbezeichnung angeeignet: Wer durch die Lüfte kutschiert, der liebt das Abenteuer und die Leichtigkeit des Seins…

Es folgen weitere zeitgeschichtliche, biografische Romane:

• „Weh dem der aus der Reihe tanzt“ mit dem er seine eigene Geschichte als Junge und junger Mann im Dritten Reich beschreibt

• und in „Wer mit den Wölfen heult wird Wolf“ liefert Ludwig Harig ein beeindruckendes Bild der deutschen Nachkriegswirklichkeit im katholisch geprägten Saarland.

Insbesondere für diese biografischen Romane gilt, was Nils Minkmar in seinem Nachruf auf Ludwig Harig im „Spiegel“ 2018 formulierte: „Sein Werk ist immer aktueller geworden.“ Harigs Literatur stellt Fragen, die auch heute drängend sind:

• Wie lässt sich Heimat beschreiben, ohne in Heimatkitsch zu verfallen?

• Wie kann man das Eigene lieben, ohne das Fremde zu verachten?

2019, ein Jahr nach seinem Tod, wurde Harigs Werk „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ im Saarland in den Literaturkanon für das Fach Deutsch für die Oberstufe aufgenommen. In Erinnerung an Ludwig Harig als einen großen Autor der deutschsprachigen Literatur und in Würdigung seines Lebensweges lobt das Ministerium für Bildung und Kultur seit 2019 jährlich das Ludwig-Harig-Stipendium aus, das als eine besondere Hommage an das lebendige Erbe von Ludwig Harig gedacht ist.

Inspiriert von seiner unstillbaren Reiselust und der leidenschaftlichen Kunst, Erlebtes in Worte zu gießen, setzen wir uns zum Ziel, mit diesem Stipendium gezielt aufstrebende junge Autorinnen und Autoren zu unterstützen, die noch am Anfang ihres kreativen Weges stehen.

Heute geht mein besonderer Dank an Susanne und Martin Diemer, an Christian und Lukas Harig für ihr Engagement zur Gründung der Ludwig-Harig-Gesellschaft. Und natürlich allen, die sich in dieser Gesellschaft für die Bewahrung und Förderung des Literarischen Erbes Ludwig Harigs, einem großen Saarländer und wichtigen deutschsprachigen Autor, einsetzen. Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg dabei.

Festrede von Prof. em. Dr. Gerhard Sauder

Festrede von Prof. em. Dr. Gerhard Sauder

Festrede von Prof. em. Dr. Gerhard Sauder
Universität des Saarlandes, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft; ehemaliger Leiter der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes; Freund von Ludwig Harig

Ludwig Harig als Nothelfer bei der Gründungsveranstaltung des St. Ingberter Literatur-Forums am 6. Oktober 1981

Die Parallelität zwischen der St. Ingberter Gründungsveranstaltung am 6. Oktober 1981 und der heutigen Gründung einer Ludwig-Harig-Gesellschaft ist offenkundig. Allerdings war Ludwig Harigs Mitwirkung durch eine Lesung erst für den 9. Dezember 1981 vorgesehen. Zur Gründungsveranstaltung war Peter Härtling eingeladen worden.

Aber am Nachmittag des 6. Oktober erhielt Fred Oberhauser, der Gründer und Initiator des ILF, von Frau Härtling einen Anruf im Auftrag ihres Mannes, er könne nicht nach St. Ingbert kommen, da die Polizei in Frankfurt gegen seine Freunde, die den Bau einer dritten Landebahn im Flughafen verhindern wollten, eine Aktion plane. Da er selbst zu den den Initiatoren der Proteste gegen die Startbahn West gehöre, der ein größeres Waldstück geopfert werden solle, könne er seine Freunde nicht im Stich lassen. Fred Oberhauser erklärte, man müsse zwar persönlich Verständnis für diese Entscheidung haben. Aber aus der Sicht des Literatur-Forums könne er die Entscheidung Härtlings nicht billigen.

Aber ein Anruf beim Freund Harig in Sulzbach genügte, um ihn als Nothelfer zu gewinnen. Die zahlreich erschienenen Zuhörer – 300 füllten die Stadthalle – waren Oberhauser für seine Entscheidung, Harigs Lesung statt im Dezember für diesen Abend ersatzweise vorzusehen, dankbar und begrüßten den inzwischen berühmten saarländischen Autor herzlich und keineswegs bloß als „Ersatz“-Mann. Und für ihn war diese Lesung ein erfreulicher Erfolg – vor so viel Publikum hatte er bisher im Saarland wohl nicht gelesen. Dabei erinnerten sich manche Zuhörer als Harig-Leser, wie seiner Selbstcharakteristik anlässlich eines Empfangs zur Eröffnung der „Hanser-Literatur-Woche“ im Zunfthaus zur Meisen in Zürich nahezu 250 Menschen ein kaltes Büffet vorzogen, „während der Redner seine Botschaft verkündigte.“ (Recl. 95)

In seiner „Zürcher Rede über die Notwendigkeit der Luftkutscherei“ hatte er den Literaturinteressierten erklärt, dass er ein „Luftkutscher“ sei – diesen Titel hatte ihm schon seine Grossmutter verliehen. Er „zünde mit seinen Wörtern bunte Raketen“; stehe wie der Clown im Zirkus und balanciere mit den Wörrtern auf der ausgestreckten Zunge“ (Recl.84); er „muß so kunstvoll drehen, so scharfzüngig balancieren, so gewitzt zünden, dass am Ende die Wirklichkeit in der Vorstellung vorgestellt und die Vorstellung in Wirklichkeit wirklich und kein Luftgespinst, kein Luftgesicht, kein Luftschloß, sondern ein lebensnotwendiges Reich des Spielerischen ist, in dem es keine Verkrüppelungen gibt, auch wenn es unterst zu oberst mit halsbrecherischen Luftkutschereien zugeht.“(Recl. 88)

Einem ersten Plakat, das die Veranstaltungen des ILF von Oktober bis Dezember 1981 ankündigte, ist zu entnehmen, aus welchen Werken Ludwig Harig lesen würde: Aus „Die saarländische Freude“(1977), „Rousseau“ (1978), „Logbuch eines Luftkutschers“ (1981). Aus dem „Logbuch“ stammten die Zitate.

 Ich bin sicher, dass der Sulzbacher Schriftsteller hier weder „Tadel“ noch „Missbilligung“, weder „Zurechtweisung“ noch „Zusammenstauchung“ geerntet hätte, sondern „Beifall“, „Lob“, „Achtung“ und „Anerkennung“. (Rcl. 85)    

Festrede von Dr. Christian Harig

Festrede von Dr. Christian Harig

Rede von Dr. Christian Harig
Präsident der Ludwig-Harig-Gesellschaft

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Weggefährten Ludwig Harigs – und liebe Gäste,

ich darf Sie alle ganz herzlich willkommen heißen, und ich freue mich sehr, dass Sie heute Abend hier sind – hier in Sulzbach, in der Heimatstadt Ludwig Harigs, zu einem besonderen Anlass: zum Gründungsfest der Ludwig-Harig-Gesellschaft.

Dass Sie heute hierhergekommen sind, ist ein deutliches Zeichen: Ein Zeichen dafür, dass Ludwig Harig lebendig ist – in seinen Büchern, in unseren Erinnerungen, als Teil des kulturellen Erbes dieses Landes.

So vielfältig wie Ludwig Harigs Werk ist auch das heutige Publikum – und das ist bereits ein guter Anfang.

Was wir heute feiern, ist mehr als ein Vereinsakt. Es ist eine Geste der Erinnerung, der kulturellen Teilhabe – und, ja, auch ein kleines Freudenfest. Und was könnten wir anderes feiern als ein Freudenfest – in aller saarländischen Freude, möchte ich sagen.
Denn das, was Ludwig Harig in dem Buch „Die saarländische Freude“ einst mit augenzwinkernder Liebe beschrieb – diese ganz besondere Mischung aus Lummerkeit, Widerspruchstoleranz und innerer Ruhe – das spüren wir heute als Begeisterung, als Verbundenheit, als Lust an Sprache, an Denken und an Begegnung.

Wozu wir uns versammeln – und was wir uns vornehmen

Was wir uns mit der Ludwig-Harig-Gesellschaft vornehmen, ist kein festes Programm, kein fertiger Plan – sondern eher ein offenes Versprechen:
Wir möchten Räume schaffen, in denen das Werk von Ludwig Harig weiterklingen, weitergedacht, zugänglich bleiben könnte – für heutige Leserinnen und Leser genauso wie für kommende Generationen.

Wir könnten uns vorstellen, mit der Gesellschaft:

  • Lesungen zu veranstalten, die Harigs Texte hörbar und erlebbar machen – so, wie ich sie selbst als Kind oft bei ihm zuhause gehört habe, wenn er las: zwar mit scharfer Stimme und mit leiser Ironie, aber immer mit diesem stillen Lächeln in der Stimme, das Ernst und Wärme zugleich war.
  • (Wir könnten uns vorstellen ) Ausstellungen zu ermöglichen, die das Erinnern mit neuen Perspektiven verbinden – vielleicht im Dialog mit heutigen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Sprache, Erinnerung und Identität auseinandersetzen, aber auch mit den Werken von bildenden Künstlern seiner Generation wie Leo Kornbrust, Hans Dahlem, Jo Enzweiler oder Bodo Korsig.
  • Publikationen zu fördern, die Harigs Werk im aktuellen literarischen Diskurs halten – auch jenseits von Jubiläen. (Auch wenn das Jahr 2027, der 100. Geburtstag, uns natürlich schon jetzt leise zuwinkt.)
  • Vorträge und Workshops anzubieten – für alle Generationen, nicht abgehoben, sondern offen, niedrigschwellig, hoffentlich klug.
  • Und vor allem: Räume für kreative Auseinandersetzung zu schaffen – für Schülerinnen, Schüler, Studierende, Schreibende, Denkende, Fragende. Für alle, die sich in Harigs Werk wiederfinden – oder ihm zum ersten Mal begegnen.

All das ist kein abgeschlossenes Ziel – es ist ein Weg, den wir gemeinsam gehen wollen: mit der Stadt und dem Land, mit Literaturbegeisterten, mit Schulen, mit Universitäten, mit Medien, Künstlerinnen und Künstlern – und mit allen, die offen sind für Sprache, Erinnerung – und neue Perspektiven.

Wir möchten das literarische Werk Ludwig Harigs bewahren, vermitteln – und vor allem lebendig halten. Denn seine Literatur ist kein Denkmal aus Stein. Sie ist ein Denkraum. Offen, irritierend, humorvoll, hintergründig – und hochaktuell.
Ludwig Harigs Werk gibt Anstöße – ich denke da vor allem an seine späten autobiografischen Romane, in denen er seine Kindheit im Nationalsozialismus schonungslos, persönlich und kritisch reflektiert.
Diese Bücher sind Zeugnisse der Erinnerung – und zugleich ein Angebot zur Auseinandersetzung: mit der Vergangenheit, mit uns selbst und mit dem, was wir erzählen.

Harig als Erzähler, Weltbürger – und als Familienmensch

Ludwig Harig war ein Mann der Widersprüche – und der Verbindungen.
Ein Saarländer mit französischer Seele. Ein Heimatliebender – und zugleich ein Weltenbummler, ein Kosmopolit, ein Freund der Fremde. Einer, der in Sulzbach verwurzelt war – und sich dennoch Zeit seines Lebens mit der Welt, der Sprache, den Ideen anderer auseinandersetzte.

Er war ein experimenteller Avantgardist – und zugleich ein großer Erzähler. Besonders deutlich zeigt sich das in seinen drei autobiografischen Romanen: „Ordnung ist das ganze Leben“, „Weh dem, der aus der
Reihe tanzt“ und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“. Drei Bücher – drei Versuche, das eigene Leben im Spiegel der deutschen Geschichte zu begreifen.

Und wenn ich an Ludwig Harig denke, denke ich nicht nur an den großen Autor – ich denke auch an den Mann, der in Sulzbach lebte, schrieb, genauso gern aß und trank, wie er diskutierte.
Ich erinnere mich an das Haus hier in Sulzbach  – an ordentliche Bücherstapel und akkurate Manuskripte, an den Geruch von Tabak, der in der Luft hing, und auch an Sätze, die in der Luft hingen und Gedanken, die darin schwebten.

Als Kind verstand ich das Wort „Konkrete Poesie“ nicht – aber ich spürte, dass da etwas klang, das anders war.

Und ich erinnere mich an das Erscheinen seines Buchs Ordnung ist das ganze Leben – und Abende, an denen gefeiert wurde. Mal ein offizielles Fest, ein großer Empfang – mal ein Essen im kleinen Kreis, mit Freundinnen und Freunden, mit Wein, mit Lachen. Es waren solche Abende – ob in Sulzbach, irgendwo im Saarland oder im Elsass – in denen sichtbar wurde: Für Ludwig Harig war Literatur nicht nur ein Text, sondern auch ein Tisch, ein Gespräch, eine Begegnung.

Und ich erinnere mich auch an Brigitte, seine Frau, meine Tante: ihre Wärme, ihre Klugheit, ihr stiller Humor waren nicht nur sein Rückhalt, sondern vermutlich oft auch der Raum, in dem sein Schreiben sich entfalten konnte. Wer die beiden gemeinsam erlebt hat, weiß: Diese Liebe war eine Kraftquelle – für ihn, und für viele, die ihnen begegnet sind.

Diese persönlichen Erinnerungen sind es, die das Werk lebendig halten – weil sie zeigen, dass hinter dem Schriftsteller ein Mensch stand, voller Widerspruch, voller Neugier – und voller Lebensfreude.

Warum wir heute feiern

Heute gründen wir einen Verein – und wir beginnen auch ein neues Kapitel.
Wir tun das aus Respekt vor Ludwig Harig, aus Neugier, aus Verantwortung. Und auch aus dem Wunsch, etwas weiterzutragen, was größer ist als eine einzelne Person: eine Haltung zur Sprache, zur Heimat, zur Welt.

Ich danke allen, die heute sprechen – Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Sulzbach, des Landes, Freundinnen und Weggefährten:

  • Frau Jessica Heide, Staatssekretärin im Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes.
  • Herr Michael Adam, Bürgermeister der Stadt Sulzbach
  • Hermann Gätje von der Universität des Saarlandes, Bereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und verantwortlich für das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass
  • Gerhard Sauder, auch er vom Bereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft der Universität des Saarlandes, ehemals Dekan der Philosophischen Fakultät und Freund von Ludwig Harig
  • Und noch eine Freundin: Irmgard Rech, Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin und Verwalterin des literarischen Erbes Ludwig Harigs

Ich danke allen, die mitdenken, mittragen, mitgestalten möchten.
Ich danke allen, die mit uns an diesen Verein geglaubt haben – und ihn möglich machen.

Und ich sehe Gesichter von Menschen, die Ludwig Harig nahestanden – alte Freundinnen und Freunde, Weggefährtinnen und Weggefährten. Menschen, mit denen er gelesen, geschrieben, diskutiert, gefeiert hat. Ich bin sicher: Es würde ihn sehr freuen, Sie alle heute hier zu wissen – und ich glaube, er wäre ein bisschen gerührt …

Und ich lade Sie alle ein: Machen Sie mit! Tragen Sie diese Idee weiter. Bringen Sie sich ein. Die Ludwig-Harig-Gesellschaft soll von der Gemeinschaft leben. Von der Lust, gemeinsam zu denken, zu erinnern, zu fragen, zu erzählen.

Die Ludwig-Harig-Gesellschaft ist offen – offen für Vorschläge, für Zusammenarbeit, für Diskussionen. Und ich hoffe, dass sie genau das bleibt: offen, suchend, lebendig.

Ludwig Harig sagte einmal: „Nichts ist wahr als das Selbstempfundene.“

Was wir heute empfinden, ist Freude.
Freude über diesen Abend.
Freude über einen Autor, der uns mit seiner Sprache Heimat und Welt zugleich war – und das bis auf den heutigen Tag ist.
Und Freude über eine Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe macht, nicht zu verwalten, sondern zu entfalten.

Ich danke Ihnen. Und lade Sie ein: Feiern Sie mit uns – mit Lummerkeit, mit Offenheit, mit saarländischer Freude.