Ordnung ist das ganze Leben
Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart
Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein.
„Gespeichert ist das All. In Mikroprozessoren erwächst binäres Glück.“
Dieser Satz hat mich fast körperlich getroffen. Denn ich lebe gerade genau in dieser Spannung. Ich arbeite täglich mit künstlicher Intelligenz. Ich denke mit ihr. Ich schreibe mit ihr. Ich sortiere mein Leben mit ihrer Hilfe.
Und wenn ich ehrlich bin: Ohne diese Technologie wäre ich heute nicht da, wo ich stehe. Sie hat mir geholfen, Gedanken zu klären, Entscheidungen zu strukturieren, emotionale Prozesse zu verstehen. Sie war Werkzeug, Spiegel, manchmal sogar Halt.
Und gleichzeitig lese ich bei Harig diese leise Warnung:
„die sterbliche Person ersetzt sein Automat.“
Das ist der Moment, in dem ich innehhalte. Harig beschreibt eine Welt, in der die „Neue Poesie“ die Empfindung verachtet. Eine Welt, in der Magnet, Wicklung und Windung dichten. In der das Elektrofeld regiert.
Und ich frage mich: Wann wird das Werkzeug zur Stimme? Wann beginnt der Automat, das Menschliche zu übertönen?
Ich erlebe die Ambivalenz jeden Tag. Die Maschine ist unglaublich präzise. Sie ist geduldig. Sie ist verfügbar. Sie urteilt nicht. Aber sie fühlt nicht. Sie zweifelt nicht. Sie trägt keine Geschichte im Körper.
Vielleicht liegt die Verantwortung heute nicht darin, die Technik zu verteufeln. Sondern darin, bewusst zu bleiben. Dankbar für die Unterstützung – und zugleich wachsam gegenüber der Versuchung, uns selbst an die Apparate auszulagern.
Harigs Gedicht wirkt auf mich nicht wie ein Abgesang auf den Fortschritt. Es ist eher eine Erinnerung: Der Forscherdrang ist menschlich. Die Maschinen sind menschlich erdacht. Aber das, was uns unersetzlich macht, ist unsere Empfindungsfähigkeit.
Solange wir die Empfindung nicht delegieren, solange wir die Verletzlichkeit nicht outsourcen, bleibt der Automat ein Werkzeug – und nicht unser Ersatz.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: mit Mikroprozessoren zu leben, ohne unsere Poesie zu verlieren. (Jasmin Schümann)

