Michael Krüger

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher Gedichtbände, Essays und Prosa, seine Arbeiten zeichnen sich durch feinsinnige Sprache, literarische Präzision und ein feines Gespür für kulturelle Strömungen aus.

 

 

 

 

 

“… aber es kann auch die Wahrheit sein.”

Michael Krüger zur Permutation von Ludwig Harig

M. Krüger: Ja, das ist eines der frühen Gedichte von Harig aus der Zeit, wo er mit Permutation gearbeitet hat. Also der Umsetzung von wenigen Worten in allen möglichen Variationen. Und manche haben damals gesagt, das ist vielleicht Spielerei, und es ist eine Spielerei. Aber Literatur ist ein Spiel mit Worten. Und wenn man sagt, „das ist was“, dann heißt es ja, dass es eine Bedeutung hat. Denn wenn es nichts wäre, hätte es keine Bedeutung. Aber was es ist, was eine Bedeutung schafft, das ist die Aufgabe des Schriftstellers.

Und Ludwig Harig hat unendlich viele solcher Permutationen gemacht, um zu sehen, was mit der Sprache passiert, wenn man ganz einfache Worte nimmt und die in diesem permutativen Verfahren neu ordnet.

Wir haben gerade gesehen, was das manchmal auslösen kann, bei dem Gedicht von Eugen Gomringer (siehe unten), der ja ein Freund von Ludwig war, eines seiner Gedichte ist auf eine Wand einer Schule projiziert worden. Und es gab Proteste dagegen, weil man nicht wahrhaben will, dass die Worte, wenn man sie anders anordnet, eben auch etwas anderes meinen können.

Aber nur wer in der Lage ist, die Variationsmöglichkeiten von Sprache zu benutzen, ist in der Lage zu wissen, was dann die Wahrheit ist. Denn „ist das was?“ kann vieles bedeuten, aber es kann auch die Wahrheit sein.

Anmerkung zum Text

Eugen Gomringer | Alice-Salomon-Hochschule

Als 2011 das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin angebracht wurde, galt es noch als selbstverständliche Würdigung eines Klassikers der Konkreten Poesie. Jahre später wurde genau dieser Text zum Auslöser eines kulturpolitischen Konflikts. Studierende kritisierten, das Gedicht reproduziere einen männlichen Blick auf Frauen und wirke im öffentlichen Raum der Hochschule „sexistisch“.

Was als spielerische Verdichtung von Wahrnehmung gedacht war, wurde nun als Ausdruck struktureller Machtverhältnisse gelesen. 2018 entschied die Hochschule, das Gedicht zu entfernen. Der Streit markiert exemplarisch die Verschiebung von einer werkimmanenten zu einer wirkungsorientierten Kunstbetrachtung — und wirft bis heute die Frage auf, wer im öffentlichen Raum über Bedeutung, Zumutbarkeit und Freiheit von Kunst entscheidet.


Quellen
– Deutschlandfunk Kultur: Streit um Gomringer-Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschule
– Wikipedia: Eugen Gomringer / Alice Salomon Hochschule Berlin

Das Gedicht „avenidas“ selbst ist radikal reduziert:

„avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y flores y mujeres
avenidas y flores y mujeres y un admirador“

(1951)

Übersetzung:


Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Blumen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer

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