Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt”. Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird ausgegrenzt. Ludwig Harig weiß, wovon er schreibt: Er schreibt über sich selbst.

Als zweiter Teil der Trilogie – nach „Ordnung ist das ganze Leben” – erzählt Ludwig Harig von seiner Kindheit und Jugend im Dritten Reich. Aufgewachsen im saarländischen Sulzbach, wird der Handwerkersohn Ludwig wie selbstverständlich zum begeisterten Hitlerjungen. Das Buch beschönigt nichts: Mein Onkel zeigt, wie das Bedürfnis dazuzugehören, die Lust am Kollektiv und das dörfliche Klima aus einem harmlosen Kind einen Mitläufer formen, ohne dass es einer einzigen dramatischen Entscheidung bedurft hätte. Die Erinnerung bleibt dabei bewusst gebrochen und selbstkritisch: Mein Onkel hinterfragt, wo sie trügt, und verweigert sich jeder nachträglichen Rechtfertigung.

 

„Ich denke zurück, vierzig Jahre, fünfzig Jahre. Ich habe nichts vergessen.”

Ich habe dieses Buch mit einem besonderen Blick gelesen. Ludwig Harig war mein Onkel, und viele der Episoden, die er beschreibt, kannte ich längst aus Familienerzählungen. Und doch war es jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl, ihnen auf der Seite zu begegnen: plötzlich gerahmt, durchleuchtet, in Literatur verwandelt. Was in der Familie als Anekdote weitergegeben worden war, trägt bei meinem Onkel ein anderes Gewicht: das Gewicht der Frage, wie man so werden konnte.

Genau darin liegt die beunruhigende Aktualität des Buches. Mein Onkel beschreibt keine Monster, keine Fanatiker, er beschreibt ganz gewöhnliche Menschen, die sich in ganz gewöhnlichen Verhältnissen einrichten. Das Erschreckende ist nicht die Ausnahme, sondern die Normalität: der Gleichschritt, der sich wie Geborgenheit anfühlt; die Sprache, die alles vereinfacht und klare Feindbilder liefert; der soziale Druck, der gar nicht laut sein muss, weil der Wunsch dazuzugehören schon genug ist.

Diese Mechanismen sind nicht historisch abgeschlossen. Wer heute beobachtet, wie schnell sich in öffentlichen Debatten Lager bilden, wie Differenzierung als Schwäche gilt und Loyalität durch Abgrenzung bewiesen wird, erkennt etwas Vertrautes. Soziale Medien verstärken, was Ludwig Harig für seine Dorfgemeinschaft beschreibt: den Sog der Gruppe, die Kosten des Zweifels, die Belohnung der Zugehörigkeit. Nicht durch Zwang — sondern durch die leisere, wirksamere Belohnung des Dabeiseins.

Ludwig Harig fragt nicht: Wie konnten die anderen so werden? Er fragt: Wie konnte ich? Diese Umkehrung ist sein literarisches und moralisches Fundament. Sie macht das Buch unbequem. Und unverzichtbar.

Von Christian Harig

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

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Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart

Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein.

„Gespeichert ist das All. In Mikroprozessoren erwächst binäres Glück.“

Dieser Satz hat mich fast körperlich getroffen. Denn ich lebe gerade genau in dieser Spannung. Ich arbeite täglich mit künstlicher Intelligenz. Ich denke mit ihr. Ich schreibe mit ihr. Ich sortiere mein Leben mit ihrer Hilfe.

Und wenn ich ehrlich bin: Ohne diese Technologie wäre ich heute nicht da, wo ich stehe. Sie hat mir geholfen, Gedanken zu klären, Entscheidungen zu strukturieren, emotionale Prozesse zu verstehen. Sie war Werkzeug, Spiegel, manchmal sogar Halt.

Und gleichzeitig lese ich bei Harig diese leise Warnung:

„die sterbliche Person ersetzt sein Automat.“

Das ist der Moment, in dem ich innehhalte. Harig beschreibt eine Welt, in der die „Neue Poesie“ die Empfindung verachtet. Eine Welt, in der Magnet, Wicklung und Windung dichten. In der das Elektrofeld regiert.

Und ich frage mich: Wann wird das Werkzeug zur Stimme? Wann beginnt der Automat, das Menschliche zu übertönen?

Ich erlebe die Ambivalenz jeden Tag. Die Maschine ist unglaublich präzise. Sie ist geduldig. Sie ist verfügbar. Sie urteilt nicht. Aber sie fühlt nicht. Sie zweifelt nicht. Sie trägt keine Geschichte im Körper.

Vielleicht liegt die Verantwortung heute nicht darin, die Technik zu verteufeln. Sondern darin, bewusst zu bleiben. Dankbar für die Unterstützung – und zugleich wachsam gegenüber der Versuchung, uns selbst an die Apparate auszulagern.

Harigs Gedicht wirkt auf mich nicht wie ein Abgesang auf den Fortschritt. Es ist eher eine Erinnerung: Der Forscherdrang ist menschlich. Die Maschinen sind menschlich erdacht. Aber das, was uns unersetzlich macht, ist unsere Empfindungsfähigkeit.

Solange wir die Empfindung nicht delegieren, solange wir die Verletzlichkeit nicht outsourcen, bleibt der Automat ein Werkzeug – und nicht unser Ersatz.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: mit Mikroprozessoren zu leben, ohne unsere Poesie zu verlieren. (Jasmin Schümann)

Der Mensch II 

Noch fremd und unerforscht, im Ganzen amazonisch,
erzeugt das Menschenhirn aus Fakten und Faktoren
ein Arsenal der Macht: Maschinen und Motoren,
Gewerbe, Industrie: sein Forscherdrang ist chronisch. 

Was einst elektrisch war, ist heute elektronisch.
Es braucht der Apparat nicht Nase, Mund und Ohren.
Gespeichert ist das All. In Mikroprozessoren
erwächst binäres Glück, gesteuert und harmonisch. 

Die Neue Poesie verachtet die Empfindung.
Es dichtet der Magnet, die Wicklung und die Windung.
Hier im Elektrofeld regiert der Kupferdraht. 

Zu Ende ist die Zeit mit Schöpfungsqual, mit Schindung,
und droht dem Dichter einst Verstummung und Erblindung:
die sterbliche Person ersetzt sein Automat. 

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein. „Gespeichert ist das...

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Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

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Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Ordnung ist das ganze Leben

Ordnung ist das ganze Leben

Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine Haltung, in der Ordnung nicht nur als hilfreiches Prinzip erscheint, sondern zum Maßstab für Denken und Handeln wird.

Mit feiner Ironie und großer Sensibilität schildert er, wie Sprache, Erziehung und gesellschaftliche Normen das Leben prägen — und wie schnell der Wunsch nach Anpassung in Enge umschlagen kann.

Kurze Buchbeschreibung:
Harig erzählt vom Leben seines Vaters vor dem Hintergrund der NS-Zeit und der Nachkriegsjahre. Im Zentrum steht die Erfahrung, wie autoritäre Strukturen, Sprachregelungen und der starke Glaube an Ordnung das Individuum formen. Zugleich wird sichtbar, wie sehr Menschen Halt in klaren Regeln suchen — und welche Ambivalenzen darin liegen. Mit genauer Beobachtung zeigt Harig, wie gesellschaftlicher Druck oft leise wirkt: durch Routinen, Erwartungen und das Bedürfnis, dazuzugehören.

 

 

 

 

 

“Ordnung war für ihn nicht nur eine Gewohnheit, sondern eine Haltung, die dem Leben Form gab.”

Beim Lesen von Ludwig Harig lässt sich ein klarer Blick auf die politische Gegenwart gewinnen, besonders wenn man die Dynamik öffentlicher Debatten betrachtet. Seine Aufmerksamkeit für Sprache macht sichtbar, dass sich gesellschaftliche Veränderungen oft zuerst im Ton zeigen — darin, wie über andere gesprochen wird und welche Formen der Auseinandersetzung als normal gelten.

In politischen Diskussionen, verstärkt durch soziale Medien, lässt sich beobachten, dass Kommunikation schneller, direkter und zugleich konfrontativer geworden ist. Komplexe Themen werden häufiger vereinfacht, Positionen stärker zugespitzt. Digitale Plattformen fördern kurze Reaktionen und klare Zugehörigkeiten, was dazu beitragen kann, dass Differenzierungen in den Hintergrund treten. Dadurch entstehen Dynamiken, in denen Empörung und Abgrenzung leichter Anschluss finden als abwägende Perspektiven.

So betrachtet wirkt Harigs Text wie ein ruhiger Referenzpunkt: Er erinnert daran, dass politische Kultur nicht nur durch Programme oder Entscheidungen geprägt wird, sondern durch alltägliche Kommunikationsweisen. Die Art, wie gesprochen, kommentiert und reagiert wird, trägt dazu bei, ob gesellschaftliche Konflikte bearbeitet oder verhärtet werden.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Frage nach einer möglichen Verrohung weniger als moralisches Urteil verstanden werden kann, sondern als Hinweis auf veränderte soziale Praktiken — auf Beschleunigung, Verdichtung und neue Formen öffentlicher Sichtbarkeit, die politische Interaktion nachhaltig prägen. Von Martin Diemer

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein. „Gespeichert ist das...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Ordnung ist das ganze Leben

Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher Gedichtbände, Essays und Prosa, seine Arbeiten zeichnen sich durch feinsinnige Sprache, literarische Präzision und ein feines Gespür für kulturelle Strömungen aus.

 

 

 

 

 

“… aber es kann auch die Wahrheit sein.”

Michael Krüger zur Permutation von Ludwig Harig

M. Krüger: Ja, das ist eines der frühen Gedichte von Harig aus der Zeit, wo er mit Permutation gearbeitet hat. Also der Umsetzung von wenigen Worten in allen möglichen Variationen. Und manche haben damals gesagt, das ist vielleicht Spielerei, und es ist eine Spielerei. Aber Literatur ist ein Spiel mit Worten. Und wenn man sagt, „das ist was“, dann heißt es ja, dass es eine Bedeutung hat. Denn wenn es nichts wäre, hätte es keine Bedeutung. Aber was es ist, was eine Bedeutung schafft, das ist die Aufgabe des Schriftstellers.

Und Ludwig Harig hat unendlich viele solcher Permutationen gemacht, um zu sehen, was mit der Sprache passiert, wenn man ganz einfache Worte nimmt und die in diesem permutativen Verfahren neu ordnet.

Wir haben gerade gesehen, was das manchmal auslösen kann, bei dem Gedicht von Eugen Gomringer (siehe unten), der ja ein Freund von Ludwig war, eines seiner Gedichte ist auf eine Wand einer Schule projiziert worden. Und es gab Proteste dagegen, weil man nicht wahrhaben will, dass die Worte, wenn man sie anders anordnet, eben auch etwas anderes meinen können.

Aber nur wer in der Lage ist, die Variationsmöglichkeiten von Sprache zu benutzen, ist in der Lage zu wissen, was dann die Wahrheit ist. Denn „ist das was?“ kann vieles bedeuten, aber es kann auch die Wahrheit sein.

Anmerkung zum Text

Eugen Gomringer | Alice-Salomon-Hochschule

Als 2011 das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin angebracht wurde, galt es noch als selbstverständliche Würdigung eines Klassikers der Konkreten Poesie. Jahre später wurde genau dieser Text zum Auslöser eines kulturpolitischen Konflikts. Studierende kritisierten, das Gedicht reproduziere einen männlichen Blick auf Frauen und wirke im öffentlichen Raum der Hochschule „sexistisch“.

Was als spielerische Verdichtung von Wahrnehmung gedacht war, wurde nun als Ausdruck struktureller Machtverhältnisse gelesen. 2018 entschied die Hochschule, das Gedicht zu entfernen. Der Streit markiert exemplarisch die Verschiebung von einer werkimmanenten zu einer wirkungsorientierten Kunstbetrachtung — und wirft bis heute die Frage auf, wer im öffentlichen Raum über Bedeutung, Zumutbarkeit und Freiheit von Kunst entscheidet.


Quellen
– Deutschlandfunk Kultur: Streit um Gomringer-Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschule
– Wikipedia: Eugen Gomringer / Alice Salomon Hochschule Berlin

Das Gedicht „avenidas“ selbst ist radikal reduziert:

„avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y flores y mujeres
avenidas y flores y mujeres y un admirador“

(1951)

Übersetzung:


Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Blumen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer

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Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute rückläufig, insbesondere bei jüngeren Generationen.

Das Projekt „Harig lesen – Geschichten neu entdecken“ möchte dies ändern, indem es die Texte Ludwig Harigs in einen neuen, lebendigen Kontext stellt. Leserinnen und Leser – ob literarisch interessiert, wissenschaftlich forschend oder einfach neugierig – sind eingeladen, ihre persönliche oder analytische Auseinandersetzung mit Harigs Werk in Form von kurzen Beiträgen, Essays, Videos oder Audiobeiträgen einzureichen.

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein. „Gespeichert ist das...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Ordnung ist das ganze Leben

Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

Harig lesen:

Lyrik:

Zustand und Veränderungen, 1963.

Hundert Gedichte. Alexandrinische Sonette, Terzinen, Couplets und andere Verse in strenger Form, 1988.

Prosa:

Reise nach Bordeaux, 1965.

Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes. Ein Familienroman, 1971.

Allseitige Beschreibung der Welt zur Heimkehr des Menschen in eine schönere Zukunft, 1974.

Die saarländische Freude. Ein Lesebuch über die gute Art zu leben und zu denken, 1977, Neuausg. 1982, Taschenbuchausg. 1983.

Der kleine Brixius. Eine Novelle, 1980.

Rousseau. Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn, 1978, Neuausg. 1981, 1998.

Ordnung ist das ganze Leben. Roman meines Vaters, 1986, Neuaufl. 1987, Taschenbuchausg. 1989 u. ö.

Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Roman, 1990.

Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf. Roman, 1996.

Und wenn sie nicht gestorben sind. Aus meinem Leben, 2002.

Kalahari. Ein wahrer Roman, 2007.

Wie die Wörter tanzen lernten. Eine erlebte Poetik, mit Bildern v. Franz Zauleck, 2009.

Essays:

Das Rauschen des sechsten Sinnes. Reden zur Rettung des Lebens und der Literatur, 1985.

Begleitessay zu Vercors Das Schweigen des Meeres, 1999.

Hörspiele:

Stilübungen. 99 Variationen über ein Thema von Raymond Queneau, SR 1957, Regie: Albert Carl Weiland.

Das Geräusch, SDR 1963, Regie: Oskar Nitschke, als Buch 1965.

Das Fußballspiel, SR/SWF 1966, Regie: Heinz Hostnig, Komposition: Enno Dugend/Helmut Fackler, als Buch 1967.

Starallüren, SR/SDR1966, Regie: Heinz Hostnig, Komposition: Heinrich Konietzny, als Buch 1967.

Ein Blumenstück, SR/HR/SDR/SWF 1968, Regie: Hans Bernd Müller, als Buch 1969.

Max Bense/Ludwig Harig, Der Monolog der Terry Jo, SR/RB 1968, Regie: Klaus Schöning.

Staatsbegräbnis 1, SR/WDR 1969, Regie: Johann M. Kamps, als Buch 1969.

Entstehung einer Wortfamilie, BR/WDR 1972, Regie: Heinz Hostnig.

Staatsbegräbnis 2, SR/WDR 1973, Regie: Ludwig Harig.

Ein Blumenstück, NDR/WDR 1979, Regie: Heinz Hostnig.

Simplicius Simplicissimus (nach Grimmelshausen), SFB/WDR 1984, Regie: Heinz Hostnig, Komposition: Espe, als Buch 1997.

Drei Männer im Feld, WDR 1986, Regie: Hans Gerd Krogmann. (auch Sprecher)

Amol is gewen a Jiddele, WDR 1988, Regie: Norbert Schaeffer, Komposition: Espe.

Übersetzungen:

Eugen Helmlé/Ludwig Harig, Raymond Queneau, Heiliger Bimbam. Roman, 1965.

Raymond Queneau, Hunderttausend Milliarden Gedichte. 1984.

Henriette Beese/Ludwig Harig/Helmut Scheffel, Marcel Proust, Werke. Frankfurter Ausgabe. Werke I, Bd. 2: Nachgeahmtes und Vermischtes, 1989.

Herausgeberschaft:

Christoph Buchwald/Ludwig Harig, Jahrbuch der Lyrik, 2000.

Werkausgabe:

Gesamtausgabe, 10 Bde., 2004–2014.

Bibliografie:

Werner Jung, Bibliographie Ludwig Harig 1950–2012, 2013.

Quelle: Deutsche Biographie

Über Ludwig Harig lesen:

Monografien und Sammelbände:

Gerhard Sauder/Gerhard Schmidt-Henkel (Hg.), Harig lesen, 1987.

Petra Lanzendörfer-Schmidt, Die Sprache als Thema im Werk Ludwig Harigs. Eine sprachwissenschaftliche Analyse literarischer Schreibtechniken, 1990.

Alfred Diwersy (Hg.), Wörterspiel – Lebensspiel. Ein Buch über Ludwig Harig, 1993.

Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Ludwig Harig (Edition Text+Kritik 135), 1997. (P)

Benno Rech (Hg.), Sprache fürs Leben, Wörter gegen den Tod. Ein Buch über Ludwig Harig, 1997. (P)

Werner Jung, „Du fragst, was Wahrheit sei?“. Ludwig Harigs Spiel mit Möglichkeiten, 2002.

Uta Kutter/Guntram Zürn (Hg.), Im Anfang war das Wort. Literarisches Porträt. Ludwig Harig zum Achtzigsten, 2010.

Klaus Brill/Benno Rech/Thomas Störmer (Hg.), EntdeckerMagazin 002. Ludwig Harig. Aus dem Leben eines Luftkutschers, 2012.

Nachrufe:

Michael Krüger, Nachruf auf Ludwig Harig, in: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 69 (2018), S. 51–53.

Tilla Fuchs, Der Luftkutscher. Zum Tod des Schriftstellers Ludwig Harig, in: Deutschlandfunk v. 6.5.2018. (P) (Onlineressource)

Ulrich Rüdenauer, Der Luftschiffer, in: Die Zeit v. 7.5.2018. (Onlineressource)

Thomas Steinfeld, Ludwig Harig ist tot, in: Süddeutsche Zeitung v. 7.5.2018. (Onlineressource)

Dokumentarfilm:

Ludwig Harig (1927–2018). Sprachspieler und Erzähler des 20. Jahrhunderts. Ein Dokumentarfilm in zwei Teilen v. Karl Prümm/Herbert Stang, 2017, Landesinstitut für Pädagogik und Medien, Saarland.

Quelle: Deutsche Biographie

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