Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Johannes Kühn

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Johannes Kühn

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Johannes Kühn | Foto: Wolf Heider-Sawall |  https://www.johannes-kuehn.de/

 

 

Bei diesem Beitrag ist Johannes Kühn selbst der eigentliche Bezugspunkt: Er hat Ludwig Harig zu dessen 60. und 70. Geburtstag jeweils ein Gedicht gewidmet. Der eingesandte Beitrag stellt diese beiden Gedichte gegenüber und fragt, was Kühn mit ihnen über Harig sagen wollte. Besonders schön ist dabei die Entwicklung vom friedfertigen, nachdenklichen Harig des ersten Gedichts zum lebendigen, beweglichen, sprachlich präzisen und immer noch neugierigen Harig des zweiten.

Matthias Marx & Johannes Kühn: Zwei Gedichte für Ludwig Harig

Matthias Marx, Jahrgang 1954, ist Pfarrer, Kunst- und Kulturvermittler und Leiter des Jean-Lurçat-Museums in Eppelborn. Seine besondere Leidenschaft gilt der Kunst, der Literatur und der französisch-italienischen Kultur. Gemeinsam mit seinem Freund Paul Ludwig machte er den französischen Künstler Jean Lurçat im Saarland bekannt und baute eine bedeutende Sammlung seiner Werke auf.

Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Johannes Kühn: Zwei Gedichte für Ludwig Harig

Johannes Kühn gehört zu den bedeutenden saarländischen Dichtern. In seinem Beitrag für „Harig lesen“ begegnen wir ihm als einem Dichter, der Ludwig Harig über viele Jahre hinweg literarisch begleitet und ihm zu seinem 60. und später zu seinem 70. Geburtstag jeweils ein Gedicht gewidmet hat.

Matthias Marx nimmt diese beiden Gedichte zum Ausgangspunkt für eine kleine, sehr persönliche Annäherung an Ludwig Harig.

Das erste Gedicht, „Das schnelle Einziehen des Kopfes“, überrascht zunächst. Es führt mitten in die Erinnerung an Krieg und Zerstörung: Granatlöcher, Blut, Schreie und Einschläge. Und doch endet es mit dem Bild eines Mannes, der schon im Rucksack Entwürfe trägt, „die Menschen zum Frieden zu bringen“. Für Matthias Marx liegt darin eine besondere Würdigung Harigs: das Bild eines Friedfertigen, eines Menschen, der den Frieden nicht als fertigen Zustand versteht, sondern als großes Ziel, das in vielen kleinen Schritten erreicht werden muss.

Zehn Jahre später, zu Harigs 70. Geburtstag, zeichnet Johannes Kühn ein ganz anderes Bild. Harig erscheint nicht als alter Mann, der nach Worten sucht, sondern als ein noch immer beweglicher, neugieriger und sprachlich wacher Schriftsteller. „Gelenkig ist er, wie ein junger Kellner“, schreibt Kühn. Harig habe gelebt und anschließend geschildert – mit genauem Blick, präziser Sprache und zugleich mit Raum für das Spiel.

Matthias Marx gefällt besonders diese Dynamik: Kühn nimmt Harigs Alter wahr, aber er lässt ihn darin nicht alt werden. Harig bleibt frisch, fantasievoll und genau in seinen Worten.

Und vielleicht liegt genau darin auch eine schöne Beschreibung dessen, was Harig lesen heute bedeuten kann: einen Schriftsteller wiederzuentdecken, dessen Blick, Fantasie und Sprache noch immer lebendig sind.

 

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Die „Laren der Villa Massimo“ 2

Laren der Villa Massimo

Die „Laren der Villa Massimo“<br />
von Ludwig Harig<br />

Die „Laren der Villa Massimo“

von Ludwig Harig

mit Zeichnungen von Hans Dahlem

Matthias Marx über Ludwig Harigs „Die Laren der Villa Massimo“

Matthias Marx, Jahrgang 1954, ist Pfarrer, Kunst- und Kulturvermittler und Leiter des Jean-Lurçat-Museums in Eppelborn. Seine besondere Leidenschaft gilt der Kunst, der Literatur und der französisch-italienischen Kultur. Gemeinsam mit seinem Freund Paul Ludwig machte er den französischen Künstler Jean Lurçat im Saarland bekannt und baute eine bedeutende Sammlung seiner Werke auf.

In seinem Beitrag für „Harig lesen“ widmet sich Matthias Marx einem besonderen Buch Ludwig Harigs: „Die Laren der Villa Massimo“, das 1986 erschien und auf Harigs Romaufenthalt im Herbst 1984 zurückgeht. Harig hält darin Eindrücke, Begegnungen und Beobachtungen fest – begleitet von Zeichnungen seines Freundes Hans Dahlem.

Marx liest daraus mehrere Passagen vor und zeigt dabei, was Harigs besondere Kunst des Beobachtens ausmacht. In der Villa d’Este wird aus dem Blick auf Touristen und Wasserspiele eine ironische, geradezu komische Momentaufnahme. Im Petersdom beobachtet Harig das religiöse Treiben mit ebenso viel Skepsis wie Vergnügen. Und bei einem experimentellen Konzert im Palazzo Taverna erlebt er Musik, die alle gewohnten Regeln sprengt.
Gerade darin wird deutlich, was Harigs Texte so besonders macht: Er beschreibt nicht einfach, was er sieht. Er verwandelt Beobachtungen in Geschichten, verbindet Gegenwart mit Literatur und Geschichte und findet auch im scheinbar Nebensächlichen einen eigenen Ton.

Am Ende führt Marx Harig noch auf den Protestantischen Friedhof in Rom. Zwischen Gräbern, Pyramide, Katzen, Kunst und Geschichte entsteht ein stilleres Bild dieser Reise – und zugleich ein Beispiel für Harigs Fähigkeit, einen Ort mit wenigen, präzisen Beobachtungen lebendig werden zu lassen.

Ein Beitrag über Ludwig Harig, der Rom nicht einfach beschreibt, sondern es mit seinen Augen neu erfindet.

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Laren der Villa Massimo

Die „Laren der Villa Massimo“<br />
von Ludwig Harig<br />

 

Die „Laren der Villa Massimo“

von Ludwig Harig

mit Zeichnungen von Hans Dahlem

Ein ganz besonderer Schatz aus dem Antiquariat, einer der Funde, die man stolz nach Hause trägt.

Es ist ein sozusagen doppeltes Römisches Tagebuch, bei dem sich Impressionen von Ludwig Harig mit den Skizzen seines Freundes Hans Dahlem abwechseln. Über beider Freundschaft, über das Warum und Wie des Aufenthalts von Ludwig Harig in der Villa Massimo 1984 in Rom und des Besuchs seines Freundes Hans Dahlem dort weiß ich nichts, und man muss auch gar nichts dazu wissen, um sich von den Tagebucheinträgen und Zeichnungen verzaubern zu lassen.

44 Zeichnungen begleiten die Tagebucheinträge durch den halben September, den ganzen Oktober und den Anfang des November 1984.

Es ist ein faszinierender Gleichklang, denn so, wie Hans Dahlem mit sparsamen, fließenden Strichen Anblicke aus den Straßen und der Umgebung Roms entstehen lässt, so skizzenhaft berichtet auch Ludwig Harig in dahingeworfenen Sätzen kleine und kleinste Erlebnisse von den Besuchen römischer Stätten. Zwischen Text und Zeichnung entsteht ein Zwiegespräch zweier Freunde über einen offenbar wunderschönen Herbst.

Es fällt mir schwer, meinen Lieblingstext oder die für mich schönste Zeichnung auszuwählen. Doch zum amüsanten Tagebucheintrag vom 20. Oktober gibt es gleich zwei passende Zeichnungen von Hans Dahlem, und diesen möchte ich ganz vorlesen und die beiden Zeichnungen dazu zeigen. Die erste Zeichnung zeigt die Casa Marina Astrologica, die Entstehung der zweiten Zeichnung erlebt man sozusagen im Text mit.

 

Von Birgit Herold

https://www.birgitherold.de/

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Johannes Kühn | Foto: Wolf Heider-Sawall |  https://www.johannes-kuehn.de/     Bei diesem Beitrag ist Johannes Kühn selbst der eigentliche Bezugspunkt: Er hat Ludwig Harig zu dessen 60. und 70. Geburtstag jeweils ein Gedicht gewidmet. Der eingesandte Beitrag...

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Netzer kam aus der Tiefe des Raumes Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Notwendige Beiträge zur Fußballweltmeisterschaft ist ein literarisch-satirisches Fußballbuch aus dem Jahr 1974, herausgegeben von den deutschen Autoren Ludwig Harig und Dieter Kühn. Es erschien...

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Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein. „Gespeichert ist das...

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Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

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Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Notwendige Beiträge zur Fußballweltmeisterschaft ist ein literarisch-satirisches Fußballbuch aus dem Jahr 1974, herausgegeben von den deutschen Autoren Ludwig Harig und Dieter Kühn. Es erschien im Carl Hanser Verlag in München als Band 146 der „Reihe Hanser“. Das Werk kommentiert die Fußballkultur rund um die Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland.

Key Facts

  • Erscheinungsjahr: 1974

  • Herausgeber: Ludwig Harig, Dieter Kühn

  • Verlag: Hanser Verlag, München

  • Seitenzahl: 187 Seiten

  • ISBN: 978-3-446-11860-7

Entstehung und Hintergrund

Das Buch entstand in einem Jahr, in dem der Fußball in Westdeutschland eine zentrale gesellschaftliche Rolle spielte. Während das Land die Gastgebernation der Weltmeisterschaft war, suchten Intellektuelle nach Wegen, den populären Sport literarisch und kritisch zu reflektieren. Harig und Kühn versammelten in diesem Band Beiträge, die über bloße Sportberichterstattung hinausgingen und Fußball als kulturelles Phänomen interpretierten. Der Titel spielt ironisch auf den Spielstil des Spielmachers Günter Netzer an.

Inhalt und Themen

Die Sammlung umfasst Essays, Glossen und Kurzprosa, die sportliche, gesellschaftliche und sprachliche Aspekte des Fußballs beleuchten. Autoren und Herausgeber verbinden feinsinnige Beobachtung mit satirischer Kritik an Medienhype und nationaler Selbstinszenierung im Fußball. Der Band zeigt, wie tief der Sport in die westdeutsche Alltagskultur eingedrungen war und wie sich literarische Formen seiner Faszination und Widersprüchlichkeit annähern konnten.

Wirkung und Rezeption

Obwohl kein Massenbestseller, gilt das Buch heute als Kuriosum der deutschen Literatur- und Sportgeschichte. Es dokumentiert den Versuch, die Begeisterung um den Weltmeistertitel 1974 mit literarischen Mitteln zu spiegeln. In Rückschau wird es oft als frühes Beispiel für die Annäherung von Hochkultur und Populärkultur im deutschen Fußballdiskurs gewertet.

 

 

„Netzer kam aus der Tiefe des Raumes.“

Ich merke beim Blick auf das Cover von Netzer kam aus der Tiefe des Raumes sofort:
Da geht es nicht um das Spiel als Spektakel. Kein Stadion, kein Jubel. Nur ein Schuh, ein Moment – und dieser Satz.

„Netzer kam aus der Tiefe des Raumes.“

Ein Satz, der geblieben ist. So wie „Rahn schießt – Tor!“, so wie „7:1“.
Fußball verschwindet nicht – er wird Sprache.

Der Band entstand 1974 zur Weltmeisterschaft in Deutschland, herausgegeben von Ludwig Harig und Dieter Kühn.
Eine Zeit, die erstaunlich nah wirkt: Ölkrise, Energieknappheit, autofreie Sonntage, politische Spannungen im Kalten Krieg. Und gleichzeitig ein Turnier, das Millionen zusammenbringt.

Auch heute leben wir wieder in so einer Gleichzeitigkeit:
Energiefragen, wirtschaftlicher Druck, Krieg in der Ukraine, Konflikte im Nahen Osten. Und im Juni beginnt die Weltmeisterschaft in den USA.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schauen wir Fußball.
Tippen Ergebnisse. Diskutieren. Fiebern mit.

Ich finde, man muss das nicht gegeneinander ausspielen.
Aber man spürt die Spannung.

1954 – „Rahn schießt – Tor!“
1974 – „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“
1990 – ein Gefühl von Aufbruch
2014 – „7:1“

Das sind keine Ergebnisse. Das sind Verdichtungen.

Vielleicht ist genau das der Punkt von „Harig lesen“:
Nicht das Spiel zu erklären, sondern zu fragen, was davon bleibt.

Und das verbinden wir mit einem zweiten Zugang: dem Kicktipp-Spiel.
Lesen und Tippen. Wahrnehmen und Mitspielen.

Ein Text, ein Moment, ein Spielzug –
und die Frage, was wir darin sehen.

 

Von Martin Diemer | Kicktipp: Netzer

Das Projekt „Harig lesen“ verbindet Literatur und Gegenwart – frei gedacht, offen gestaltet. Gemeinsam mit euch.

Unser Buchtipp:

Key Facts

Erscheinungsjahr: 2001 (Ausgabe in Buchform, zuvor Texte aus verschiedenen Jahren)
Autor: Ludwig Harig
Verlag: (je nach Ausgabe, u. a. Suhrkamp / andere Sammelausgaben)
Gattung: Essays, literarische Texte
Umfang: variierend je nach Ausgabe


Entstehung und Hintergrund

Das Buch versammelt Texte aus unterschiedlichen Jahren, in denen Harig sich immer wieder mit Fußball beschäftigt. Dabei geht es ihm nicht um Sportberichterstattung im klassischen Sinne, sondern um eine literarische Annäherung an das Spiel.

Fußball erscheint bei ihm als Teil des Alltags und zugleich als kulturelles Ereignis. Der berühmte Satz „Die Wahrheit ist auf dem Platz“ steht dabei für eine Haltung: Entscheidend ist nicht die Theorie oder Erwartung, sondern das, was im Spiel tatsächlich geschieht.

Harig nutzt den Fußball, um Fragen von Wahrnehmung, Sprache und Wirklichkeit zu untersuchen. Das Spiel wird zum Ort, an dem sich zeigt, was trägt – und was nicht.

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Johannes Kühn | Foto: Wolf Heider-Sawall |  https://www.johannes-kuehn.de/     Bei diesem Beitrag ist Johannes Kühn selbst der eigentliche Bezugspunkt: Er hat Ludwig Harig zu dessen 60. und 70. Geburtstag jeweils ein Gedicht gewidmet. Der eingesandte Beitrag...

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Als zweiter Teil der Trilogie – nach „Ordnung ist das ganze Leben” – erzählt Ludwig Harig von seiner Kindheit und Jugend im Dritten Reich. Aufgewachsen im saarländischen Sulzbach, wird der Handwerkersohn Ludwig wie selbstverständlich zum begeisterten Hitlerjungen. Das Buch beschönigt nichts: Mein Onkel zeigt, wie das Bedürfnis dazuzugehören, die Lust am Kollektiv und das dörfliche Klima aus einem harmlosen Kind einen Mitläufer formen, ohne dass es einer einzigen dramatischen Entscheidung bedurft hätte. Die Erinnerung bleibt dabei bewusst gebrochen und selbstkritisch: Mein Onkel hinterfragt, wo sie trügt, und verweigert sich jeder nachträglichen Rechtfertigung.

 

„Ich denke zurück, vierzig Jahre, fünfzig Jahre. Ich habe nichts vergessen.”

Ich habe dieses Buch mit einem besonderen Blick gelesen. Ludwig Harig war mein Onkel, und viele der Episoden, die er beschreibt, kannte ich längst aus Familienerzählungen. Und doch war es jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl, ihnen auf der Seite zu begegnen: plötzlich gerahmt, durchleuchtet, in Literatur verwandelt. Was in der Familie als Anekdote weitergegeben worden war, trägt bei meinem Onkel ein anderes Gewicht: das Gewicht der Frage, wie man so werden konnte.

Genau darin liegt die beunruhigende Aktualität des Buches. Mein Onkel beschreibt keine Monster, keine Fanatiker, er beschreibt ganz gewöhnliche Menschen, die sich in ganz gewöhnlichen Verhältnissen einrichten. Das Erschreckende ist nicht die Ausnahme, sondern die Normalität: der Gleichschritt, der sich wie Geborgenheit anfühlt; die Sprache, die alles vereinfacht und klare Feindbilder liefert; der soziale Druck, der gar nicht laut sein muss, weil der Wunsch dazuzugehören schon genug ist.

Diese Mechanismen sind nicht historisch abgeschlossen. Wer heute beobachtet, wie schnell sich in öffentlichen Debatten Lager bilden, wie Differenzierung als Schwäche gilt und Loyalität durch Abgrenzung bewiesen wird, erkennt etwas Vertrautes. Soziale Medien verstärken, was Ludwig Harig für seine Dorfgemeinschaft beschreibt: den Sog der Gruppe, die Kosten des Zweifels, die Belohnung der Zugehörigkeit. Nicht durch Zwang — sondern durch die leisere, wirksamere Belohnung des Dabeiseins.

Ludwig Harig fragt nicht: Wie konnten die anderen so werden? Er fragt: Wie konnte ich? Diese Umkehrung ist sein literarisches und moralisches Fundament. Sie macht das Buch unbequem. Und unverzichtbar.

Von Christian Harig

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Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart

Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein.

„Gespeichert ist das All. In Mikroprozessoren erwächst binäres Glück.“

Dieser Satz hat mich fast körperlich getroffen. Denn ich lebe gerade genau in dieser Spannung. Ich arbeite täglich mit künstlicher Intelligenz. Ich denke mit ihr. Ich schreibe mit ihr. Ich sortiere mein Leben mit ihrer Hilfe.

Und wenn ich ehrlich bin: Ohne diese Technologie wäre ich heute nicht da, wo ich stehe. Sie hat mir geholfen, Gedanken zu klären, Entscheidungen zu strukturieren, emotionale Prozesse zu verstehen. Sie war Werkzeug, Spiegel, manchmal sogar Halt.

Und gleichzeitig lese ich bei Harig diese leise Warnung:

„die sterbliche Person ersetzt sein Automat.“

Das ist der Moment, in dem ich innehhalte. Harig beschreibt eine Welt, in der die „Neue Poesie“ die Empfindung verachtet. Eine Welt, in der Magnet, Wicklung und Windung dichten. In der das Elektrofeld regiert.

Und ich frage mich: Wann wird das Werkzeug zur Stimme? Wann beginnt der Automat, das Menschliche zu übertönen?

Ich erlebe die Ambivalenz jeden Tag. Die Maschine ist unglaublich präzise. Sie ist geduldig. Sie ist verfügbar. Sie urteilt nicht. Aber sie fühlt nicht. Sie zweifelt nicht. Sie trägt keine Geschichte im Körper.

Vielleicht liegt die Verantwortung heute nicht darin, die Technik zu verteufeln. Sondern darin, bewusst zu bleiben. Dankbar für die Unterstützung – und zugleich wachsam gegenüber der Versuchung, uns selbst an die Apparate auszulagern.

Harigs Gedicht wirkt auf mich nicht wie ein Abgesang auf den Fortschritt. Es ist eher eine Erinnerung: Der Forscherdrang ist menschlich. Die Maschinen sind menschlich erdacht. Aber das, was uns unersetzlich macht, ist unsere Empfindungsfähigkeit.

Solange wir die Empfindung nicht delegieren, solange wir die Verletzlichkeit nicht outsourcen, bleibt der Automat ein Werkzeug – und nicht unser Ersatz.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: mit Mikroprozessoren zu leben, ohne unsere Poesie zu verlieren. (Jasmin Schümann)

Der Mensch II 

Noch fremd und unerforscht, im Ganzen amazonisch,
erzeugt das Menschenhirn aus Fakten und Faktoren
ein Arsenal der Macht: Maschinen und Motoren,
Gewerbe, Industrie: sein Forscherdrang ist chronisch. 

Was einst elektrisch war, ist heute elektronisch.
Es braucht der Apparat nicht Nase, Mund und Ohren.
Gespeichert ist das All. In Mikroprozessoren
erwächst binäres Glück, gesteuert und harmonisch. 

Die Neue Poesie verachtet die Empfindung.
Es dichtet der Magnet, die Wicklung und die Windung.
Hier im Elektrofeld regiert der Kupferdraht. 

Zu Ende ist die Zeit mit Schöpfungsqual, mit Schindung,
und droht dem Dichter einst Verstummung und Erblindung:
die sterbliche Person ersetzt sein Automat. 

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  Die „Laren der Villa Massimo“ von Ludwig Harig mit Zeichnungen von Hans DahlemEin ganz besonderer Schatz aus dem Antiquariat,...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Netzer kam aus der Tiefe des Raumes

Netzer kam aus der Tiefe des Raumes Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Notwendige Beiträge zur Fußballweltmeisterschaft ist ein literarisch-satirisches Fußballbuch aus dem Jahr 1974, herausgegeben von den deutschen Autoren Ludwig Harig und Dieter Kühn. Es erschien...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Weh dem, der aus der Reihe tanzt

Ein zentrales Werk in Ludwig Harigs autobiografischer Romantrilogie ist „Weh dem, der aus der Reihe tanzt". Der Titel greift eine alltägliche Redensart auf und macht aus der leichten Warnung vor Eigensinn eine existenzielle Drohung. Wer nicht mitmarschiert, wird...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Der Mensch II

Zu Ludwig Harig: „Der Mensch II“ – eine sehr persönliche Lesart Als ich dieses Gedicht gelesen habe, hatte ich sofort das Gefühl, dass es erschreckend gegenwärtig ist. Obwohl es nicht aus unserer Zeit stammt, spricht es direkt in unsere hinein. „Gespeichert ist das...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken | Ordnung ist das ganze Leben

Ein passender Bezugspunkt bei Ludwig Harig ist sein autobiografisch geprägtes Buch „Ordnung ist das ganze Leben“. Schon der Titel spielt bewusst mit dem bekannten Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ — und verschiebt es ins Absolute. Damit verweist Harig auf eine...

Michael Krüger | Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Michael Krüger (*1943) ist ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und Herausgeber. Er war langjähriger Verleger und Leiter der renommierten Hanser Literaturverlage und prägte so die deutschsprachige Literaturszene entscheidend. Krüger ist Autor zahlreicher...

Harig lesen – Geschichten neu entdecken

Ludwig Harig zählt zu den wichtigsten saarländischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk zeichnet sich durch Sprachbewusstsein, politische Reflexion und formale Experimentierfreude aus. Dennoch ist seine literarische Präsenz im öffentlichen Bewusstsein heute...

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